Hardehausen 2000



Willkommen im Euro-Land

"Kalender, Kalender, du bist ja schon so dünn, nun ist´s auch bis Neujahr nicht so lange hin." In Abwandlung eines alten Schlagers fassen zahlreiche Junge Grafschafter dies als Motto auf und machen sich wenige Tage nach Weihnachten auf den Weg in den weithin bekannten Ort Hardehausen. Die Einfahrt auf das Gelände des ehemaligen Klosters, das Wiedersehen mit alten und neuen Bekannten, die erste Mahlzeit in dem ehrwürdigen Gemäuer, die immer wieder aufs Neue anregenden Kennenlernspielchen hat manch einer schon oft erlebt und sind doch immer wieder der Auftakt zu vielseitigen, aufregenden, spannenden und auch ein wenig anstrengenden Tagen bei der "Woche der Begegnung". Für die letzten Tage des Jahres 2000 ließen wir fünf Korrespondenten akkreditieren, die von ihren Erlebnissen exklusiv berichten:

Donnerstag, 28.12.2000

Heute wollten wir den Einstieg in die Thematik "Europa, die neue Gemeinschaft" finden. Dazu wurde in Kleingruppen zunächst festgehalten, was uns alles zu Europa einfällt. Neben aktuellen Themen wie BSE kamen auch Begriffe wie Europäisches Parlament und Europäische Kommission zur Sprache. Im Anschluss erläuterte uns Marcus Furche die geschichtlichen Zusammenhänge, die zur Bildung der heutigen Europäischen Union führten. Von der Montan-Union über die Römischen Verträge bis zur Einführung des "Euro" wies er auf alle historisch wichtigen Punkte hin. Zum Abschluss bereiteten wir noch Fragen an den Europaparlaments-Abgeordneten Elmar Brok (CDU) vor, der den zweiten Teil des Tages gestalten sollte. Er berichtete uns in einem kurzen Abriss über die Entstehung sowie die Geschichte der EU und der vorhandenen Institutionen.
Anschließend begann eine rege Diskussionsrunde, in der unter anderem zur Sprache kam, dass es schwierig werden wird, das Vetorecht der einzelnen Mitgliedsländer einzuschränken, obwohl dieser Schritt bei einer zukünftigen Größe von 27 Staaten unumgänglich wäre. In seinen Ausführungen über die Arbeit des Europäischen Parlaments blieb auch nicht unerwähnt, dass jeder Abgeordnete das Recht hat, seine Reden in seiner Landessprache zu führen. Hiermit soll vor allem die Identität der kleinen Staaten gestärkt werden. Auf seinen Verdienst angesprochen, erläuterte Herr Brok, dass die Gehälter der Abgeordneten im Verhältnis zum Aufwand und zu vergleichbaren Berufen in der freien Wirtschaft eher niedrig seien. Es kamen noch viele andere Dinge zur Sprache, die verdeutlichten wie die EU aufgebaut und organisiert ist. Nach dem Abendessen übten wir uns noch im Volleyball um fürs große Spiel gegen die Ermis gewappnet zu sein, bevor wir den Tag mit dem Film "Sommernachtstraum" im Clubraum ausklingen ließen. Christian Tölle

29.12.2000

Am Morgen gab es wie immer die Möglichkeit zu schwimmen. Allerdings nahm diese Gelegenheit nur einer wahr und der kam nicht von der Jungen Grafschaft. Der Tag begann mit einem Referat zum Thema "Euro". Dieses wurde gehalten von Herrn Markus Wolfslau, der bei der Sparkasse Hamm tätig ist. Er informierte uns über den Euro als neue Währung und über die Staaten, die ihn als Zahlungsmittel einführen werden. So berichtete er, dass die Teilnehmerstaaten Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal und Finnland am 3. Mai 1998 festgelegt wurden. Mittlerweile ist auch Griechenland in diesen Kreis eingetreten. Die Wechselkurse wurden am 1. Januar 1999 festgelegt. Kein Land sollte bevorzugt werden. Für uns als Verbraucher bedeutet das, dass wir in jedem Land zu vergleichbaren Preisen einkaufen können. Damit - wenn auch nur zum Teil - die Eigenständigkeit der Länder gewahrt bleibt, darf jedes Land die Rückseiten der Cent-Münzen selbst gestalten. Die Geldscheine jedoch haben in allen Ländern das gleiche Aussehen. Ausgegeben wird der Euro ab dem 17. Dezember 2001.
Ab dem 1. Januar 2002 ist der Euro dann auch offizielles Zahlungsmittel. In einem Zeitraum von zwei Monaten kann dann jeder mit Mark oder Euro zahlen. Am 1. Februar 2002 wird die Deutsche Mark ungültig. Man kann aber auch danach noch an jeder Bank DM in Euro umtauschen. Allein in Deutschland müssen 28 Mrd. DM-Münzen in 17 Mrd. Euro-Münzen sowie 2,6 Mrd. DM-Scheine in 4 Mrd. Euro-Scheine umgetauscht werden.
Am Nachmittag folgte dann die Hüttenwanderung, die wirklich ausgezeichnet von Melanie und Sebastian vorbereitet worden war. Doch leider waren bei eisigen Temperaturen nur wenige bereit mit zu wandern. Wie die gesamte Tagung in Hardehausen stand auch die Hüttenwanderung unter dem Thema Europa. So bekam jede Gruppe den Namen einer Stadt in Europa. Es mussten an jeder Station Aufgaben, die mit diesem Thema in Zusammenhang standen, gelöst werden. Unter anderem musste man z. B. verschiedene Flaggen dem passenden Land zuordnen. Zwischendurch konnte sich jeder an der Verpflegungsstation erwärmen und stärken.
Zum Hüttenabend bekam jede Gruppe den Auftrag, etwas Typisches für ihre Stadt vorzutragen. Es war ein wirklich gelungener Abend, an dem es viel zu lachen gab. Köln sang zum Beispiel, ,,Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst". Der Abend wurde schließlich beim gemeinsamen Zusammensein im Clubraum beendet.

Jacqueline Bonn

30.12.2000

Nachdem wir gefrühstückt hatten und auch die letzen durch ein Kreisspiel, namentlich Laurentia, wach gerüttelt wa-ren, stiegen wir direkt in die Thematik ein. Marcus Furche hielt am Vormittag einen Vortrag über die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der EU. Er begann mit einem einführenden Film, der hauptsächlich die Agrarpolitik der EU behandelte. Durch die zunehmende Rationalisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft, so beschrieb es der Film, wurde die Produktion dermaßen gesteigert, dass erhebliche Überschüsse entstanden. Die Regierungen der einzelnen Mitgliedsländer versuchten, dem Konkurs der Agrarbetriebe entgegen zu wirken, indem sie die Produkte aufkaufte und Subventionen verteilte. Dies erwies sich als wenig effektiv und man entschloss sich, die Agrarpolitik europaweit zu gestalten und zu reformieren. Die Höfe sollten mehr Eigeninitiative zeigen und eine artgerechte Tierhaltung betreiben. Außerdem sollten nationale Produkte und die Artenvielfalt erhalten bleiben. Der Film zeigte eindrucksvoll den Weg der europäischen Gesetzgebung von der Kommission als vorschlagendes Organ über den Rat und das Parlament als gesetzgebende Organe.
Große Fragen über wirtschaftliche Probleme wirft natürlich die EU-Osterweiterung auf. Deshalb ging Marcus auch auf dieses Thema näher ein. Mit folgenden Beitrittskandidaten werden zur Zeit Verhandlungen geführt: Estland, Polen, Tschechische Republik, Zypern, Ungarn, Slowenien, Lettland, Litauen, Slowakische Republik, Rumänien, Bulgarien und Malta. Da vor allem die Staaten der ehemaligen Sowjetunion schlechte wirtschaftliche Strukturen aufweisen, bestehen gewisse Vorbehalte in Westeuropa gegenüber der EU-Oster-weiterung. Tatsächlich ist es aber heute so, dass die Lohnnebenkosten gerade in diesen Ländern sehr niedrig sind, was westeuropäische Firmen dazu bewegt, nach Osten abzuwandern. Die Folge ist eine hohe Arbeits-losenzahl, die auch noch weiterhin steigen wird. Werden diese Länder in die Europäische Union integriert, wird auch ein gewisser Lohnangleich stattfinden, der dazu beiträgt, dass ein Anreiz zum Abwandern der Betriebe fehlt.
In der abschließenden Diskussion wurde über die Frage gesprochen, ob nicht auch kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West bei der Schaffung eines vereinten Europas zu Problemen führen könnten.
Nach dem Mittagessen fand unser traditionelles Volleyballspiel gegen die Ermis statt. Wir hatten uns gut vorbereitet und gingen siegesgewiss ins Spiel. Die Stimmung brodelte und Fans beider Seiten hatten sich mit kleinen Plakaten und Parolen ausgerüstet. In einem hochkarätigen Volleyballspiel musste sich eine gut spielende JG dann aber doch einer etwas besser spielenden GJE mit 0:3 Sätzen geschlagen geben.
Nachdem sich die Fans wieder etwas beruhigt hatten, ging es in der Schmiede mit einem Diavortrag von Großdechant Franz Jung weiter. Er gab für die Neuen in der Gruppe einen kurzen Überblick über die Grafschaft Glatz und erzählte wie er sich die Zukunft der JG vorstellt.
Nach dieser Einführung erzählte Franz Jung sehr eindrucksvoll, wie er den Weltjugendtag auf den Philippinen erlebte. Er besuchte dort auch einen Missionar aus Deutschland, der auf den Philippinen aktiv ge-gen die Armut kämpft. Franz Jung machte dort die Bekanntschaft mit einem Mädchen, welchem er durch finanzielle Unterstützung ein Studium ermöglichte. Vielleicht kann ja auch einmal ein Austausch mit der JG und einigen jungen Philippinos stattfinden. Der Vortrag wurde durch eine sowohl beeindruckende als auch schockierende Diashow über die Lebensverhältnisse in den philippinischen Slums abgeschlossen. Was wohl jeden erstaunt haben muss, ist die freudige Ausstrahlung in den Gesichtern der Kinder, die in absoluter Armut und zum Teil ohne ihre Eltern aufwachsen.
Nach einer kurzen Erholungspause ging es mit unserem Tagungsthema weiter. Benedikt und Nicolai Voigt hatten einen Arbeitskreis zum EU-Gipfel in Nizza vorbereitet. Es sollten die Stimmung und die Probleme auf ei-nem solchen Gipfel nachempfunden werden. Dazu wurden verschiedene Gruppen gebildet, die in Form eines Rollenspiels die Länder Frankreich, Deutschland, Polen, Rumänien, Türkei und Marokko und deren Interessen vertreten zu hatten. Die ersten zwanzig Minuten sollte sich jeder anhand eines Artikels aus dem "Spiegel" über sein Land informieren. Die nächsten zwanzig Minuten wurde in den kleinen Gruppen diskutiert, dabei ging es hauptsächlich um die Osterweiterung. Bis zum Abendessen wurde dann noch einmal mit Allen zusammen weiter gearbeitet, wobei meistens Argumente gegen Argumente standen und es zu keinem Ergebnis kam. Es wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Auf jeden Fall waren jedem die Probleme auf einem großen Gipfel wie dem in Nizza klar geworden.
Beim abendlichen Spieleabend verbrachten wir einige gemütliche Stunden mit Gesellschaftsspielen im Clubraum. Dann ging es los mit der traditionellen Nachtwanderung. Warm eingepackt und mit Fackeln ausgestattet zogen wir los in die tiefe, verschneite Nacht. Auf der Hälfte der Strecke wurde ein großer Kreis gebildet. Besinnliche Gedanken wurden vorgetragen, ein Lied gesungen und schließlich wärmten wir uns mit dem frisch von Benedikt erlerntem Zulu-Tanz auf. Nun konnten wir getrost den Heimweg antreten. Einige waren sicherlich auch schon sehr müde und gingen sofort ins Bett. Die anderen verbrachten noch einen gemütlichen Abend im Clubraum.

Christof Liskamm

31.12.2000 und 01.01.2001

Am Morgen des 31. Dezember stand die Tagungsreflexion auf dem Programm. Der Rückblick bot die Möglichkeit, das Treffen noch einmal kritisch zu überdenken; die Resonanz war überwiegend positiv.
Es folgte ein Ausblick auf die Veranstaltungen der JG im Jahr 2001. Zusätzlich wurden noch Themenvorschläge für weitere Tagungen gesammelt und darüber abgestimmt.
Später informierten uns auch die Bundessprecher der Ermis über das Programm und andere Aktivitäten ihrer Gruppe für das Jahr 2001, verbunden mit Einladungen zu den jeweiligen Veranstaltungen.
Nach dem Mittagessen begannen in der Schmiede die Aufbauarbeiten für den Bunten Abend, der unter dem Motto "Gruselabend" stattfinden sollte. Um 17:30 Uhr begann dann die von Franz Jung zelebrierte Jahresabschlussmesse, umrahmt von Chor und Musikern unter der Leitung von Georg Jaschke.
Schließlich fanden sich am Abend Gespenster, Vampire und ähnliche Gestalten in der zu einer Art Gruselschloss umfunktionierten Schmiede ein. Nachdem das Geistermahl eingenommen worden war, konnte die Sylvesterfeier beginnen, bereichert durch verschiedene Showeinlagen. Die Zeit verging schnell und als es dann auf 0:00 Uhr zuging‚ versammelten wir uns in der Mitte des Gewölbesaals und warteten ...
... bis wir schließlich das neue Jahr(tausend) begrüßen konnten. Später setzte die Party wieder ein und endete erst, als schon viereinhalb Stunden des neuen Jahres vorüber waren. Die meisten von uns gingen danach ins Bett, und obwohl der Morgen fast schon vor der Klostermauer stand, ließen noch ein Unermüdliche die tolle Stimmung im Gruppenraum des Bernhardhauses ausklingen.
Wenige Stunden später hieß es aber schon wieder, die Schmiede aufzuräumen und das Frühstück vorzubereiten. Später konnte dann das Ritual der Verabschiedung vor der Schmiede seinen Anfang nehmen.
Es war Zeit, Abschied zu nehmen nach ein paar (wieder einmal sehr) schönen Tagen der Begegnung in Hardehausen, einmal vom "Kloster" selbst, aber besonders auch von allen Freunden und Bekannten, die man getroffen hatte. Mit vielen neuen Erfahrungen, Erkenntnissen, Erlebnissen, mit viel Freude und vielleicht noch etwas Schlaf in den Augen traten wir dann gegen Mittag die Heimreise an, überzeugt davon, dass man sich spätestens zu Pfingsten in Lette wieder treffen wird.

Michael Schneider und Sebastian Löll