Der 25. August 1998 stand bei allen Leitungsteamern im Terminkalender eingetragen. (Hoffe ich wenigstens!) Allen war klar, daß da der deutsch polnische Freundeskreis in Oerlinghausen zu Besuch ist und uns erwartet. Der deutsch polnische Freundeskreis tagte die ganze Woche über in der Heimvolkshochschule Hedwigs-Haus in Oerlinghausen, bis zur Wallfahrt in Telgte, am letzten Augustwochenende, aber an diesem besagten Dienstag hatte sich die Junge Grafschaft angesagt.

Gesagt getan. Ich hatte mich für den Tag verantwortlich erklärt und er lag ja noch in weiter Ferne, als wir ihn Mitte Juni zum erstenmal konkreter planten. Irgendetwas würde uns schon einfallen. Und genau wußten wir ja alle nicht, was uns erwartete.

Ja, der Tag rückte näher, der August ging ins Land und die Gedanken an Oerlinghausen nahmen zu. „Du, Marco, was sollen wir da eigentlich so machen – hast Du vielleicht irgendeine Idee?“ Sicher, Marco hatte: „Ach, das machen wir wie in Pirna: kreative Arbeitskreise, T-Shirts bemalen, Jonglieren, ein kleiner Sprachkurs, singen...“ Super! „Weißt Du eigentlich, wer noch so kommt?“ „Ja, also ich kann nicht – und sonst...?!“

Und sonst konnte auch niemand. Die Telefone liefen heiß, die Ideen waren da, das Material kein Problem, aber die Leute! Ist ja auch logisch, dachte ich mir. Wer nicht im Urlaub ist, der muß arbeiten oder wohnt einfach zu weit weg.

Der Dienstag stand also wieder nackt und bloß vor mir. Und er stand leider schon ziemlich dicht vor mir!

O.K. So viele Jugendliche werden schon nicht dabei sein. Außerdem wollten Markus Ratajski und der Großdechant ja auch kommen. Also mal bei Franz anrufen: „Ach, es kommen hauptsächlich Jugendliche und nur ein paar Erwachsene? Ne, klar. Kein Problem. Wieviel? Fünfunddreißig Jugendliche und nur eine Handvoll Begleiter? Das ganze ist eine Veranstaltung für die Jugend?!“ Hilfe!!!

Und Stoßgebete wirken doch! Siehe da, ein Blick ins Programm und schon ist der Gedankenblitz da: „Markus, weißt Du was, wir blasen den Dienstag ab und fahren am Samstagabend, nach der Wallfahrt, mit zum gemütlichen Grill- und Abschlußabend nach Oerlinghausen. Da haben wir Programm, es sind ein paar aus der JG mit dabei, so daß die Polen gleich einen Eindruck von unserer Gruppe bekommen und was leckeres zu Essen gibt es auch!“

Franz Jung war einverstanden, das Treffen gerettet, fehlte nur noch die letzte Absprache mit der Gruppe. Dann der Rückruf aus dem Glatzer Büro in Münster. „Ach, die Gruppe fährt gleich nach der Wallfahrt wieder nach Polen? Sie bleiben gar nicht bis Sonntag? Der Grillabend fällt aus?!“

Panik! „Markus, was machen wir mit dem Dienstag? Wie stellen wir zu zweit eine ganze Jugendgruppe dar? Ahh!“

Dias. O.K. Dias. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Dias ist doch prima. Viel sehen, wenig reden – überbrückt auch die ganzen Sprachprobleme. Also, Raini und Uli, her mit den Dias! – „Ach, kein Mensch macht Dias? Nur Photos?“ Meine Güte, Dias sind doch immer gut! Naja, vielleicht weiß einer von den Güttler-Vätern Abhilfe. Die haben doch jahrelange Erfahrung – und Dias. Aber Dias zur Geschichte der Grafschaft Glatz? Ob das die Polen so spitze finden? Sie kommen extra nach Deutschland und sehen dann Bilder aus ihrem Dorf? Auch irgendwie nicht der Reißer, oder? Also keine Dias!

Vor dem Dienstag liegt nur noch ein einziges popeliges Wochenende. Was nun? Die Stoßgebete intensivieren sich deutlich. Aber ob Quantität auch gleich Quali... – na egal.

Wer kann jetzt noch helfen?

Johannes, Johannes, der Altbundessprecher muß ran.

Am Montag vor dem Dienstag trudeln dann auch noch ein paar Photos und ein alter Vortrag über die AWO aus Düsseldorf ein. In der Not frißt der Teufel Fliegen.

Der Abend wird lang, die Nacht ist kurz, der Dienstag ist da.

Markus Ratajski ist auch pünktlich da. Morgens um neun in Oerlinghausen. Franz sucht zu der Zeit noch die richtige Abfahrt. Wir können ja dann schon mal anfangen. Klar, locker! Die 35 jungen Polen bestehen plötzlich aus 20 Polen und 15 Tschechen. Aber was soll’s. Wir sind ja schon abgebrüht!

„Hallo, wir heißen beide Monika und sind Deutschlehrerinnen“, was für eine Begrüßung! „Wir können Euch bei der Übersetzung helfen!“ Zwei strahlende Mädchengesichter Anfang zwanzig. Und überhaupt strahlen alle in diesem Raum. Und übersetzt muß auch kaum werden. Die Älteren sprechen nahezu perfekt deutsch. Einige mit einem vertrauten pauerschen Unterton. Ich bin gleich zu Hause. Die Jüngeren lernen fast alle Deutsch in der Schule. Erst trauen sie sich nicht so recht, aber dann ist das Eis im Nu gebrochen. Spätesten nachdem Markus mit einer witzigen Begrüßung und allgemeinen Gesang à la Professor Gründel die letzte Müdigkeit vertrieben hat.

Mein Vortrag über die JG, mit vielen bunten Plakaten, Photos, selbstgemalten Karten etc. kommt zum Glück prima an. Selten habe ich ein aufmerksameres Publikum gefunden. Sie alle, ihre Vorfahren und auch sie selbst sind schließlich direkt betroffen von der wechselvollen Nachkriegsgeschichte. Sie sind beispielsweise bei ihren Großeltern in der Grafschaft geblieben, während ihre Eltern in den Westen mußten. Sie sind in die Tschechei geflohen, um der Vertreibung zu entgehen, und konnten dann nicht mehr zurück. Oder sie sind Kinder und Enkelkinder und sind mit den Schicksalen vertraut. Sofort entspannen sich detaillierte Diskussionen, wird gelacht, erzählt und debattiert. Der Großdechant hat inzwischen auch den Weg gefunden und wird mit lautem „Hallo“ empfangen. Auch er steuert seine Erlebnisse bei. Vor dem Mittagessen eine kurze deutsche Messe in der Hauskapelle, nach dem Essen Abfahrt nach Paderborn.

Nichts geht doch über einen geistlichen Beirat der Beziehungen hat, die Stadt in und auswendig kennt und der jetzt den gesamten Nachmittag gestaltet. Am Dom empfängt uns ein von ihm organisierter polnischer Priester, der in den nächsten zwei Stunden die Führung übernimmt. Dann noch schnell ein Photo für die Presse und schon geht’s weiter in’s beeindruckende Nixdorf Museum. Hightech auf drei Etagen. Der Großdechant spendiert ‘ne Runde, aber dann muß er mit vors Internet. Wenn für jeden etwas dabei ist, dann auch für ihn. Franz und die große Welt der Datenautobahn.

So vergeht der Tag. Müde, aber glücklich verabschieden wir drei uns. Danke Franz und Markus! Hatte ich irgendwann mal Zweifel, ob der Tag gelingt. Ich kann mich nicht erinnern...! Wie freu‘ ich mich auf das Wochenende in Telgte, wenn ich sie alle wiedersehe.

Telgte, die Lichterprozession, das Hochamt, das Essen, überall junge Gesichter. Keiner wußte mehr so richtig, wer Pole, Tscheche und Deutscher war. Überall gehörten sie mit dazu. Telgte hatte ein ganz neues Gesicht. Und wir neue polnische Freunde. Die ersten Kontakte zur Breslauer Gruppe bestehen bereits.

Die Oerlinghauser Gruppe ist klasse, sagte jeder in Telgte. Und auch, wenn ich mir am Samstagnachmittag wünschte, „so ein Tag, ..., der dürfte nie vergehen“ – einmal war auch die Andacht vorbei, das letzte mal die schwarze Madonna gesungen und der Letzte unter Tränen verabschiedet – Es war unglaublich schön mit Euch! Viele Grüße an die Grafschaft; und hoffentlich bis bald!

Karin Lauterbach


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