oder - Die hospitale Phase
Wer hat an der Uhr gedreht - Ist es wirklich schon so spät ?
In der Tat, das Jahr 1996 neigte sich bereits dem Ende zu, als es einem späten Höhepunkt entgegenstrebte: Wie immer übte das idyllisch gelegene Kloster Hardehausen eine große Anziehungskraft aus, auch wenn die Runde mit ca. 60 Teilnehmern dieses Jahr nicht ganz so groß war. Trotzdem sollte diese Begegnung um die Jahreswende auch einige ganz besondere Überraschungen parat halten...
Gut erholt bzw. arg gestreßt von den Feiertagen fand man sich am Freitagabend in gewohnter Umgebung ein. Zunächst galt es, die Zimmerbelegung zu klären; die Tragweite der Entscheidungen sollte sich allerdings erst später in vollem Ausmaß zeigen...
Wieder einmal durften wir Gäste aus Polen begrüßen - besser gesagt, wir hatten unsere polnischen Freunde eingeladen! Sie waren diesmal besonders intensiv in das Programm eingebunden, denn wir befaßten uns ausgiebig mit ihrem Heimatland. Das Thema des Treffens war: "Polen- unser (un)bekannter Nachbar".
Der offizielle Teil des Abends wurde mit der Abendbesinnung beschloßen. Diese mündete in einen interaktiven Gitarrenabend: Viele Musikwünsche und einige Gitarrenspieler sorgten für einen schönen Ausklang dieses 27. Dezember.
Der Samstag bot neben schönstem Winterwetter eine Statio mit der Grafschafter Gemeinschaft. Es soll sogar die seltene Spezies der Frühschwimmer gesichtet worden sein... Nach einem reichlich spontanen Morgensingen und Chorprobe teilte sich die große Gruppe auf: Statt wechselnder Arbeitskreise suchte sich jeder eine feste Stammgruppe aus, in der gemeinsam mit "polnischer Unterstützung" Informationen zu bestimmten Themen gesammelt wurden. Im einzelnen ging es um polnische Persönlichkeiten, Fragen der Jugend und Ausbildungsmöglichkeiten. Danach gab Christof, einer unserer polnischen Gäste, einen interessanten Einblick in sein Land mit einem selbstgestalteten Diavortrag über Polen.
Am Nachmittag machte sich ein Troß warm verpackter "Grafschafter" auf nach Paderborn, um dort unter der frierenden Stadtbevölkerung ein Meinungsbild zum Thema Polen zu erstellen. Bald wurde allerdings klar, daß die "eingeflossene polare Kaltluft" die Menschen mehr beschäftigte als unser östlicher Nachbar, obwohl sich die Gruppe mit zunächst polnischen Liedern lautstark bemerkbar machte.
Dieser Tag wurde mit einer gemeinsamen Messe in den Räumen der Grafschafter Gemeinschaft beschlossen.
Mit dem Sonntag begann in Hardehausen die "hospitale Phase". Nachdem der Vormittag noch planmäßig mit dem Vortrag des Düsseldorfer Referenten Wulf Schade begonnen hatte, ahnte noch niemand etwas. Herr Schade berichtete als Mitglied der Deutsch-Polnischen Gesellschaft über die katholische Kirche in Polen, mit besonderem Blick auf die Vergangenheit. So war die Kirche lange Zeit nach dem Krieg eher als moralische Instanz gefragt. Erst mit Beginn der Streikwelle in Polen Ende der siebziger Jahre fand sie sich in der Rolle des politischen Faktors wieder. Sie wurde zum Hort für oppositionelle Arbeit und fand großen Zulauf unter den Reformkräften im Land.
Mit der Liberalisierung der Politik allerdings verringerte sich ihre politische Bedeutung wieder; andere Organisationen waren im nun freieren Polen mehr gefragt. Heute wird klar, daß die Kirche ihre übergeordnete Autorität verloren hat, und deshalb um so mehr mit glaubwürdigen Argumenten überzeugen muß.
Doch zurück zum "Dei catastropholi". Eine Wanderung olympischer Dimension stand auf dem Programm. Die Gruppen mußten sich in verschiedenen Disziplinen beweisen: Fackellauf, Gladiatoren, olympisches Wissen und Sackhüpfen. Unser Freund Tomek sah sich wohl der Goldmedaille verdammt nahe, jedenfalls war er mit ganzem Einsatz bei der Sache: Bei einem Sturz brach er sich, wie sich später herausstellte, die Kniescheibe.
Dann verirrte sich eine Gruppe fast in der Dunkelheit. Rettungsexpeditionen wurden entsandt. Verzweifelt versuchte das Leitungsteam, den Abend zu retten. Doch als die Equipe No. 6 ihre Goldmedaille entgegennahm, und der Hüttenabend in die Disconacht überging, strebten die Ereignisse wieder dem Stimmungsolymp entgegen! Erwähnenswert hier: Eine emotionsgeladene Schneeballschlacht zu später Stunde.
Der Montagmorgen begann mit einem unglaublichen Ereignis: Schorsch stand früher auf als Guido! Ähnlich hochkarätig ging es weiter: Großdechant Franz Jung berichtete ausführlich über seine Arbeit, um dann das Feld für unseren polnischen Freund Tomasz Czyszczon freizugeben.
Er legte die Lage der Wirtschaft Polens in einem Referat dar. So hat Polen mittlerweile das größte Wirtschaftswachstum in Europa und erfüllt in manchen Punkten eher als andere Länder die EU-Kriterien von Maastricht. Durch konsequente Privatisierungen und Herstellung des Marktgleichgewichts kam Polen auf den richtigen Weg. Allein die Landwirtschaft könnte durch veraltete Strukturen Polens Aufschwung bremsen.
Im Verlauf des Tages mußten die Grafschafter eine neuerliche Niederlage im sportlichen Wettkampf gegen die Ermis einstecken. Hierbei war ein weiterer, allerdings bloß leichtverletzter Grafschafter zu beklagen...
Abends versuchten zwei eingeladene Literaten die Zuhörerschaft mit ihren Werken zu begeistern, sie wurden jedoch vielfach kritisiert. Glücklicherweise wurden später noch polnische Spezialitäten angeboten.
Die folgende Nacht bot eine weitere der "kleinen Katastrophen": Schorsch hüpft zu später Stunde völlig begeistert über den Partyflur und stößt sich dabei den Kopf an einem Türrahmen. Was folgt, ist der Transport ins Krankenhaus mit Verdacht auf Gehirnerschütterung. Trotzdem gelingt es ihm durch hartnäckiges Drängen, noch in der Nacht wieder in sein eigenes Bett zu kommen.
Am Silvestertag stand neben der Vorstellung der Arbeitsergebnisse aus den Stammgruppen die Reflexion an. Den insgesamt positiven Eindruck trübten bei einigen laute Zimmerfeten. Allgemein begeistert waren wir von unseren polnischen Gästen, durch die wir auch einen sehr persönlichen Zugang zum Thema hatten. Dann durfte Karin Lauterbach sich freuen: Mit großer Mehrheit wurde sie zur Bundessprecherin gewählt.
Nach dem gemeinsamen Gottesdienst machten wir uns auf zur Silvesterparty auf dem Mars. Uns empfing eine tolle Szenerie auf dem roten Planeten; das neugebildete Team um Christoph Jaschke hatte sich viel einfallen lassen. Auch an dieser Stelle noch einmal Lob und Anerkennung für Eure Arbeit!
So feierten wir unter 10.000 Sternen, mit mehr als 99 Luftballons, zwischen fremden Galaxien und bekannten Gesichtern hinein in das neue Jahr. Neben vielen lustigen Spielen stach besonders die Gesangseinlage von Martina und Antje hervor. Bravo!
Kurz vor dem Frühstück schlichen die Letzten ins Bett, wurden allerdings wenig später von einem zweistimmigen Chor mit Gitarrenbegleitung wieder ins Diesseits befördert, das heißt entschlossen geweckt. Erstaunlicherweise war das folgende Katerfrühstück besser besucht als vergleichbare Veranstaltungen.
Und so waren auch diese Tage in Hardehausen vergangen, reich an Ereignissen und arm an Schlaf, als die Stunde des Abschieds nahte. Wohl auch deshalb sah ich zum Schluß keine enttäuschten, nur ein paar müde lächelnde Gesichter, ganz nach dem Motto:
Das nächste Treffen ist schon bald,
wo wieder ein neuer Korken knallt.
Euch dort wiederzusehen, das wäre schön,
doch jetzt müssen wir erst mal nach Hause gehen.
Wir sagen Tschüs bis zum nächsten Mal.
Kommt Ihr auch? - Das ist doch klar!
Text: Andreas Tinnemann