| RUNDBRIEF 01/2007 |
| Transeamus nach Europa |
Weihbischof Ostermann feiert mit Visitatoren aus den ehemaligen deutschen Ostdiözesen und nahezu 800 Gläubigen in der Liebfrauen-Überwasserkirche die Christkindlmesse.
Nach dem feierlichen Einzug, angeführt von den Bannerabordnungen der drei Visitaturen, und dem kraftvollen Gesang „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“, begleitet von Pfarrer Christoph Scholz an der Orgel, trat ein sichtlich und spürbar erfreuter Visitator Franz Jung ans Mikrophon. Das ist der erste Höhepunkt im Jahre 2007: am Vormittag die feierliche Einweihung der neuen Büroräume im Ermlandhaus am Ermlandweg und damit die Zusammenführung der Visitaturen Breslau, des Ermlandes und der Grafschaft Glatz. Und mit der Pastoralmesse in D-Dur von Ignaz Reimann – von den Gläubigen liebevoll „Christkindlmesse“ genannt – feiern wir nun den Herrgott.
So begrüßte Großdechant Prälat Franz Jung seine Grafschaft Glatzer Gläubigen und die zahlreichen schlesischen, ermländischen, westfälischen, kurz: alle Gäste aus nah und fern zum Festhochamt.
Er begrüßte besonders Weihbischof Friedrich Ostermann und die Konzelebranten, die Visitatoren und Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt. Sein Gruß galt nicht zuletzt dem Grafschafter Chor unter Leitung von Georg Jaschke, Coesfeld, mit dem Orchester unter Leitung von Mona Veit, Warendorf. Dieser Chor stelle schon ein Phänomen dar; kommen seine Mitglieder doch aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands und treffen sich daher auch nur zweimal im Jahr zum Proben – und das alles „nur“, um andere Menschen zu erfreuen.
Prälat Jung zitierte dann den großen schlesischen Priesterdichter aus der Grafschaft Glatz Professor Joseph Wittig: „Wen das Leben aus Heimat und Vaterhaus hinausführt – und Jung ergänzte: oder wer daraus vertrieben wird – , der muss draußen schlecht werden, wenn er sich nicht in der Fremde eine Heimatecke einrichtet. Das muss die Station sein, welche die unsichtbaren Kraftquellen der Heimat aufnimmt und in das heimatferne Herz weiterleitet.“ Eine solche Heimatecke, ja, eine Kraftquelle sei die Christkindlmesse. Mit den Grüßen von Bischof Reinhard Lettmann, in denen dieser u. a. herausstellte, dass zur religiösen Kultur der Heimat der Grafschaft Glatzer die Christkindlmesse gehört, leitete Großdechant Jung über zu den festlichen Kyrierufen, die dem sanften Wiegen eines Kindes gleichen und die der Christkindlmesse diese Einmaligkeit verleihen. Und spätestens beim dynamischen und ausdrucksstarken Gloria wurde die andächtige Freude der Gläubigen spürbar.
Und mit dem beliebten Weihnachtslied „Stille Nacht …“, in einem Chorsatz für Frauen-Solostimmen, Chor und Orchester, war ein weiterer Höhepunkt erreicht, der letztendlich in den Schlussakkord mündete: Großer Gott, wir loben dich!“
In den festlichen Gottesdienst gehörte auch das Gebet um die Seligsprechung des am 1. August 1942 in Dachau als Märtyrer gestorbenen Diözesanjugendseelsorgers der Grafschaft Glatz Kaplan Gerhard Hirschfelder. Dem Motor des Seligsprechungsverfahrens Domkapitular Martin Hülskamp dankte Großdechant Jung für sein bisheriges Engagement und „trieb den Motor“ für seine nächsten Gespräche in Rom noch ein wenig an mit dem Hinweis auf drei Gedenktage an Hirschfelder in diesem Jahr: 31. Januar 1932 Priesterweihe in Breslau für die Grafschaft Glatz/Erzdiözese Prag; 17. Februar 1907 geboren in Glatz; 1. August 1942 gestorben in Dachau. Schließlich verdient auch das gute Wort des polnischen Pfarrers von Tscherbeney (Hirschfelders Gedenkstätte) Pfarrer Romuald Brudnowski Anerkennung und Verbreitung: „Gerhard Hirschfelder ist ein Deutscher. Wenn er selig gesprochen wird, gehört er uns allen.“ Ja, Transeamus nach Europa!
Worte des Dankes und der Ermutigung richtete Weihbischof Ostermann in seiner Predigt an die Gläubigen: Wo Vertriebene ansässig geworden waren, erklang immer wieder das Transeamus usque Bethlehem – „Lasst uns nach Bethlehem gehen.“ Dieser Aufbruchgedanke durchzog seine Predigt wie ein roter Faden. In einer Welt, wo alles zerbrochen war, brachen die Heimatvertriebenen auf nach Bethlehem, um beim Kind in der Krippe Kraft zu schöpfen. Und er fuhr fort: Wir Menschen brauchen etwas, an dem wir uns festmachen können. Wir brauchen Lieder, Hymnen, Melodien, die uns bewegen. Das Wort allein genüge nicht. Die Christkindlmesse sei so etwas.
Und hier dankte der Bischof den Visitatoren ausdrücklich, dass sie sich dafür eingesetzt haben, dass die Heimatvertriebenen sich hier wiederfinden und ihren Weg in der Kirche weitergehen. Eingehend auf die besondere seelsorgliche Arbeit der Visitatoren führte Ostermann aus, dass sie mitgeholfen haben und weiter mitsorgen, kostbares Gut, das über Jahrhunderte gewachsen sei, nicht untergehen zu lassen.
Aber wir alle müssten heute wieder aufs Neue aufbrechen nach Bethlehem zur Mitte unseres Glaubens. Dass Gott ein Kind in der Krippe wurde, radikal für uns da sein wolle, das sei die frohe Botschaft für uns alle. Das Tagesevangelium – das von der Hochzeit zu Kana – auslegend, stellte Bischof Ostermann die Frage, was Jesus uns wohl heute sagen würde, 60 Jahre nach der schrecklichen Vertreibung. Er würde sicherlich sagen, ihr, die ihr fremd wart, ihr habt hier Heimat gefunden, habt eure Eigenart bewahrt, habt nicht alles untergehen lassen, was euch lieb und teuer war, und gehört doch dazu, wenn auch manches anders ist. Aber das Andere sei uns wechselseitig geschenkt. Und er würde weiter sagen, tut dort, wo ihr lebt, das Eure, aber seid offen für den Anderen. Und so kommen jetzt Menschen zu uns, mehr und mehr aus aller Welt – uns völlig fremd. Und Jesus würde sagen: Helft mit, dass auch sie auf ihre Weise hier Heimat finden und dass wir auch von ihnen beschenkt werden, ohne dass alles ineinander verschwommen wird, wo keiner mehr sein eigenes Gesicht hat. Genau das hätten wir in 60 Jahren geleistet: Wir selbst zu bleiben und doch ganz dazu zu gehören. Transeamus – Aufbruch aufeinander zu, weil wir gemeinsam auf dem Weg seien nach Bethlehem. – Transeamus nach Europa!
Anders könne es keinen Frieden geben. Hier dankte Weihbischof Ostermann den Visitatoren und den evangelischen und katholischen Heimatvertriebenen, dass sie Wege der Verständigung gesucht und gefunden haben, sie haben Pakete geschickt und vielfältige Hilfe geleistet, sie sind die Brückenbauer. Ihre Kinder brechen heute auf in die ganze Welt. Nur im Aufbruch und im Dialog kann es Frieden geben; in der Achtung voreinander werden Wege der Gerechtigkeit gefunden.
Als dann endlich das Transeamus erklang, da sangen und spielten sich Chor und Orchester in die Herzen der Gläubigen.
Edelwida Faber
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