RUNDBRIEF 01/2007

 

   Pastoralrat der Grafschaft Glatz tagte in Günne

 

„Wo steht Polen in Kirche und Gesellschaft heute?“

 

Zum 19. Male veranstaltete der Pastoralrat des „Visitators für Priester und Gläubige aus der Grafschaft Glatz“ mit gut 40 Teilnehmern/innen Ende Januar im Heinrich-Lübke-Haus am Möhnesee ein Bildungswochenende zur o. a. Thematik.

 

Zur Eröffnung lief der Film von Claus Singer: „Versöhnung kann man nicht befehlen“, der das Scheitern mancher deutsch-polnischer und deutsch-tschechischer Illusionen aufzeigt. Für Christen kann kein Schlussstrich gezogen werden. Es gilt weiterhin, das Leid des anderen in die eigene Geschichte zu integrieren.

 

Zur Situation in der polnischen Kirche nahm als versierter Kenner Dr. Bonaventura Smolka aus Oppeln, Professor für Moraltheologie, Stellung. Dieser sympathische Franziskanerpater – mit ausgiebigen Studien im Vatikan und in Belgien – bedauerte zutiefst die augenblickliche Situation, wie sie sich nach dem Rücktritt des Warschauer Erzbischofs Stanisław Wielgus wegen dessen unerquicklichen Verwicklungen mit der polnischen Staatssicherheit darstelle. Es komme durch das zu missbilligende Hinauszögern des Offenlegens der Sachverhalte und das Verneinen einer persönlichen Schuld zu einem Glaubwürdigkeitsverlust, nicht gleich zu einer Glaubenskrise. „Ich glaube an Gott, nicht an einen Bischof. Die Gottesdienstbesuche sind nach wie vor gut!“

 

Erzbischof Stanisław Dziwisz von Krakau, der langjährige Privatsekretär von Papst Johannes Paul II., schätzt, dass sich in seinem Bistum vielleicht 30 Diözesanpriester (von 1200) etwas vorzuwerfen hätten. Insgesamt mögen circa 10 % Unterschriften zu einer Mitarbeit für den Staatssicherheitsdienst – wie auch immer geartet – geleistet haben. – Für die polnische Kirche sei es noch ungewohnt, so Professor Smolka, mit Kritik umzugehen und die Arbeit der Laien zu sehen und zu definieren. Vertrauen sei auch verloren worden, als sich die Kirche nach der Wende in staatliche (Empfehlung zur Wahl bestimmter Parteien) und gesellschaftliche (Diskussion zur Abtreibung aus sozialen Gründen) Angelegenheiten eingemischt habe. Hier sei heftiger Widerstand aufgekommen.

 

Die Kirche könne Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, wenn sie sich stark mache für caritative Hilfen, für Erziehungsarbeit und wenn sie für Moral und Sittlichkeit eintrete. „Ecclesia semper reformanda!“ Sie müsse offener und menschlicher werden. – Auf eine Nachfrage zu „Radio Maryja“ führte er aus, dass die Sendungen mit viel Gebet und Spenden vor allem für ältere und kranke Menschen wichtig seien. Es gäbe unzählige Anrufe. Den Teilbereich Politik möchte er nicht überbewerten; er selbst kenne keine der von deutscher Seite aus kritisierten aggressiven Äußerungen.

 

Das Thema „Evangelisch im polnisch gewordenen Schlesien“ beleuchtete Dr. Joachim Sobotta, über ein Vierteljahrhundert Chefredakteur der Zeitung „Rheinische Post“. Er wurde 1932 in Glatz geboren. Dort war 1836 die katholische St.-Georgs-Kirche der Franziskaner in eine evangelische umgewidmet worden, die dann nach 1945 als Klosterkirche an die katholische Ordensgemeinschaft polnischer Klarissen gegeben wurde. Heute finden die evangelischen Gottesdienste in einer Art Villa statt. Es handelt sich um eine zahlenmäßig sehr kleine Gemeinde, eine Minderheitskirche. Landesweit ergab ein Rückblick in das Jahr 1875 für Schlesien: 1 896 136 Katholiken, 1 760 441 evangelische Christen und 46 629 jüdischen Glaubens.

 

Niederschlesien mit den drei geschichtsträchtigen Friedenskirchen in Schweidnitz (1652-1657), Jauer (1654-1656) und Glogau (1945 zerstört) war überwiegend evangelisch, während in Oberschlesien und der Grafschaft Glatz die Katholiken überwogen. Heute finden sich unter den 38 Millionen polnischer Bürger insgesamt etwa 90 % Katholiken; die wenigen evangelischen Christen werden wohlwollend geduldet.

 

Die junge Breslauer Historikerin Małgorzata Ruchniewicz aus der Grafschaft Glatz hat zusammen mit dem Hamburger Professor Arno Herzig, geboren in Grafenort, ein umfassendes zweisprachiges Geschichtswerk „Die Geschichte des Glatzer Landes“ herausgegeben, in dem die über 1000-jährige Geschichte bis zum Jahre 1945 von Professor Herzig, der nachfolgende Zeitabschnitt mit der Entwicklung nach 1945 bis zur Neuorientierung nach 1989 von der Mitherausgeberin bearbeitet wurde. Sie wollte in Günne vor allem über die Nachkriegszeit selbst berichten, konnte aber ihre Zusage leider nicht einhalten. So gab Professor Herzig eine kurze Einführung in dieses Quellenbuch, das insbesondere für die schulische Nutzung geeignet ist.

 

Es werden darin die mannigfachen Anfangsschwierigkeiten der Neusiedler bei den „massenhaften Migrationsbewegungen“ aufgezeigt, so z. B. beim Aufbau einer polnischen Verwaltung, um die öffentliche Ordnung garantieren zu können. In dieser Zeit der Polonisierung zwischen 1945 und 1950 wurden neue Ortsbenennungen geschaffen und die althergebrachten deutschen Inschriften im öffentlichen Raum beseitigt. Kritik fanden die im Text verwandten Formulierungen „Bevölkerungsaustausch“, „Aussiedlung“ und „Umsiedlung“, während der Begriff „Vertreibung“ vermieden wird. Professor Herzig gab als Verständnishilfe an, dass diese Maßnahmen ja „aus polnischer Sicht rechtens“ waren und lediglich die Umstände zugegebenermaßen nicht als menschlich bezeichnet werden könnten.

 

Die in Breslau geborene, mit dem „Eichendorffpreis“ und dem Kulturpreis Schlesien“ ausgezeichnete Schriftstellerin Monika Taubitz referierte über ihr literarisches Werk und trug einige ihrer in Verse gekleideten Heimwehgedanken vor, in die sie ihre Erinnerungen an Eisersdorf, Bad Landeck, Glatz und Wartha gebannt hat. In ihrem neuen Buch „Abstellgleis“ schenkt sie „einer unbeachteten Frau Beachtung“. Bekannt sind ihre Romane „Durch Lücken im Zaun“ (jetzt auch in polnisch!) und „Treibgut“.

 

Der ukrainische Journalist Viktor Pedak („Ein Teller Suppe für den Feind“ und andere Veröffentlichungen mit einer Förderung durch „Renovabis) wirbt für Menschlichkeit und Aussöhnung, für Brückenbau von Herz zu Herz, von Mensch zu Mensch. Er berichtete über die andauernden, zum Teil auch durch Sprachprobleme bedingten Spannungen zwischen der russisch- und der ukrainisch-orthodoxen Kirche, zwischen Angehörigen der ehemaligen Sowjet- und denen der ukrainischen Befreiungsarmee.

 

Julian Golak, der mit gut bekannten Freunden – u. a. mit dem Breslauer Professor Lesław Kocwin - angereist war, gab einen Lagebericht über die nach wie vor andauernden wirtschaftlichen Missstände im Glatzer Bergland. Erfreulich klang die Kunde, dass er für die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ mit mehr als 6000 Wählerstimmen in das Breslauer Woiwodschaftsparlament gewählt worden ist. Mit drei weiteren Abgeordneten vertritt er nun dort die heimische Region.

 

Großdechant Prälat Franz Jung beschloss das Treffen mit Lob und Dank an Reinhard Schindler, der für das Tagungsthema, für die Organisation und die Moderation verantwortlich zeichnete. Alles klappte vorzüglich!

Grußworte trafen ein von unserem Nuntius Erzbischof Dr. Erwin Ender und unserem Freunde Georg Paulitschek auf tschechischer Seite. Es wird bei der Wallfahrt Ende Juli, zu der die Wallfahrer mit 7 Bussen anreisen werden, mit ihm ein Wiedersehen geben. Die Reiseteilnehmer werden sich unter anderem am Grabe von Gerhard Hirschfelder versammeln, dessen Seligsprechung eventuell noch in diesem Jahre erwartet wird. Es laufen Planungen, ihm zu Ehren auf dem Glatzer Schneeberg (1425 m) ein etwa 8 m hohes Gedenkkreuz zu errichten. In Tscherbeney wird es voraussichtlich im Hause der verstorbenen Rosa Rokitensky ein „Gerhard-Hirschfelder-Museum“ geben.

Günther Gröger, Altgersdorf



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