| GRAFSCHAFTER BLUT AUCH IN DER TECHNOGENERATION? |
Pfingsten in Lette. Laute Technoklänge schallen durch die
Tenne. Die schon fast heiligen Stätten der Jungen Grafschaft, in denen sie sich
seit Jahrzehnten regelmäßig trafen, werden von der Spaßgeneration erobert. Statt
Grafschafter Fahnen hängen bunte Discolampen an den Wänden, die im Takt der
Musik grell aufblitzen. Auf dem ersten Blick ist kein Anzeichen von irgendeiner
Verbindung zur ehemaligen Grafschaft Glatz zu erkennen.
Doch der erste Hinweis zeigt sich in Form eines frechen und lustigen Gesichtes,
welches inmitten der Jugendlichen sichtlich seinen Spaß hat. Franz Jung erlebt
plötzlich mit Freuden, wie die 15 bis 25jährigen, eher Enkel als Kinder der
Heimatvertriebenen, sich für die Grafschaft interessieren. Wie kann es sein,
dass sich der Großdechant um eine Gruppe kümmert, die es eigentlich gar nicht
mehr geben dürfte? Der Fortbestand der Gruppe wurde zu Beginn auf Mitte der 80er
geschätzt. Wie kommt es, dass diese Gruppe immer noch existiert? Was macht den
Reiz der Gruppe aus und was hält sie zusammen?
Mir sind auf unserem diesjährigen Pfingsttreffen in Lette ein paar Gedanken
durch den Kopf gegangen, die ich nun gerne aufschreiben möchte. Der ausführliche
Bericht über Lette wird in der nächsten Ausgabe des Rundbriefes zu lesen sein.
Als Thema unserer Tagung nahmen wir diesmal uns selber, was sich wegen des
50-jährigen Bestehens der Jungen Grafschaft auch anbot. Wir betrachteten das
Leben und die Mentalität der Grafschafter, die Vertreibung und die Geschichte
der Jungen Grafschaft. Zudem lagen alle Events im Zeichen der Grafschaft. Unsere
Sandwichs am Sandwichabend hießen z.B. "Sandwich Schneeberg" oder "Sandwich Bad
Kudowa", unsere Zimmer waren "Habelschwerdt", "Glatz" oder "Neurode", und ein
Spiel war in die Geschichte der Bäckerliesl von Glatz eingebettet, die Eier für
ihren schlesischen Streuselkuchen benötigte, aber auf dem "Höltingshoafa"
gefangen war.
Es hat uns einfach viel Spaß gemacht, aber es ist noch nicht das Geheimnis, was
die Gruppe nun seit über 50 Jahre verbindet. Das Wort "Schneeberg" löst nicht
mehr irgendwelche sentimentalen Heimatgefühle bei uns aus, genauso wenig wie das
Wort "Minoritenkirche". Auch brauchen wir nicht mehr die Gruppe, um aus der
Diaspora kommend Schicksalsgleiche zu treffen und uns selbst zu finden.
Und doch gibt es etwas bei uns in der Gruppe, was tiefer geht und wofür wir den
Generationen vor uns dankbar sind. Etwas, was wir von den Grafschaftern geerbt
haben: der Sinn für die Gemeinschaft. Jeder von uns spürte diesen Geist über die
drei Tage, und er wurde oft betont. Wahrscheinlich wurde er deshalb so häufig
bemerkt, weil es den nämlich bei uns zuhause in der Alltagswelt nicht gibt.
Wie kommt es, dass sich diese Art des Miteinander-Umgehens so stark herausbilden
konnte, dass es selbst bei der Enkelgeneration der Heimatvertrieben noch
erhalten ist?
Wie ist es überhaupt zu dieser Mentalität gekommen?
Um diese Frage zu beantworten, muss man sich die Geschichte der Grafschaft und
deren naturräumlichen Bedingungen anschauen.
In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert kamen unter den böhmischen Könige die
ersten deutschen Siedler in das Glatzer Land. Obwohl viele einfach ihren
ehemaligen Grundherren in die Grafschaft gefolgt sind, gab es sicherlich schon
eine Auswahl von Leuten. Zähe Menschen mit Sinn für die Bergwelt gingen in die
Gebirgsregionen wie z.B. in die Grafschaft, die anderen ließen sich eher in
Niederschlesien nieder.
Aber auch später, machte die schon in der Grafschaft geborene Bevölkerung eine
stetige Selektion durch. Wenn jemand Anderes im Sinn hatte als die heimatlichen
Berge, dann versuchte er auszuwandern. Zwar wollte der Adel das natürlich
unterbieten, wobei er auch auf dafür vorgesehenen gesetzliche Verordnungen
zurückgreifen konnte. Doch gerade diese Gesetze zeigen, dass manche Untertanen
flohen und somit eine Auslese tatsächlich geschah.
Wenn man davon ausgeht, dass gewisse Charaktereigenschaften auch vererbt werden,
und durch die eben genannte Selektion ein konkreter Charaktertyp in der
Grafschaft übrig blieb, heißt das, dass es den Grafschafter genetisch gibt, dass
also seine Mentalität ihm angeboren ist.
Aber wie sah der Grafschafter aus, der in der Grafschaft blieb? Welche
Charakterzüge waren vorteilhaft in diesem rauhen Land? Der Grafschafter musste
fleißig sein und hart arbeiten können, er musste einen Sinn für die Schönheit
der Natur haben, weil sie ihm viel Kraft geben kann, natürlich nur dem, der sie
auch zu schätzen wusste. Aber genauso waren soziale Kompetenzen wie z.B.
Barmherzigkeit und Gemeinschaftsgefühl nötig, um überleben zu können. Man war
auf einander angewiesen, und das war nur mit einem herzliche Miteinander
möglich.
Neben einer genetischen Auswahl fand aber auch eine starke kulturelle Evolution
statt. "Die Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Gebirgswelt mit den langen
Winterabenden boten vielfältige Gelegenheiten zu musizieren und förderten den
Drang zum musisch-schöpferischen Tun" liest man in einem Heftchen über die
Grafschaft Glatz. Traditionen und Brauchtum gaben den Menschen Stabilität und
Identitätsstiftung und wurden so emsig gepflegt. All diese Traditionen waren
bestens auf die Grafschaft angepasst und halfen dem Grafschafter, die
ungünstigen naturräumlichen Bedingungen auszuhalten.
Nun zurück zu der Ausgangsfrage. Was hält die Junge Grafschaft bis heute
zusammen? Sei es durch Gene oder durch kulturelles Erbe, auf unseren Treffen
herrscht eine Herzlichkeit und ein Gemeinschaftsgefühl, was die meisten aus
ihrem Alltag nicht kennen. Viele Nicht-Grafschaftler sind zu uns gestoßen, und
sind von dieser Atmosphäre begeistert. Sie lassen sich genauso anstecken und
tragen zu diesem Geist ebenso stark bei. Natürlich sind wir weniger geworden und
manche unserer Freunde schauen uns auch bei Erklärungsversuchen, was die JG ist,
schief an, doch wir sind froh, dass wir diese Gemeinschaft haben. Nächstes Jahr
wollen wir zusammen in die ehemalige Grafschaft fahren und der Großdechant Franz
Jung wird uns begleiten.
Es ist schön zu wissen, was seine Wurzeln sind, vor allem dann, wenn man als
Erbe noch diese Gemeinschaft als Geschenk bekommt.
Benedikt Voigt
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